Sonntag, 25. November 2012

Ein Land vor unserer Zeit

Liebe Blogleser,

die politischen Schwierigkeiten der Woche, wenn man sie so überhaupt nennen kann, liegen hinter mir. Kurz nach meinem letzten Blogeintrag bin ich zum Seminar an der Universität aufgebrochen. Auf meinem letzten Stück des Weges flog zuerst ein riesiger Militärhubschrauber ca. 20 m über mich hinweg, der ca. 200 m entfernt von mir gestartet war. Während ich überlegt habe, wie ich das in meinem nächsten Blogeintrag witzig verpacken könnte, heulten die Sirenen auf und ich wusste erst nicht, was um mich herum geschieht. Deshalb gibt's jetzt zwar keinen witzigen Spruch zum Hubschrauber, aber mal wieder eine Bestätigung dessen, was wir hier schon lange gelernt haben: Es kommt oft anders als man es sich im Voraus gedacht hat. Darüber ließen sich hier nicht nur über politische Querelen ganze Bücher schreiben, sondern auch Alltagsgeschichten ohne Ende. Aber jetzt ist es nun einmal so, dass ich gerade keine Zeit für Bücher schreiben habe und darum widme ich mich den Erzählungen und den Bildern unserer Exkursion vom vergangenen Wochenende nach Galiläa. Das macht auch definitiv mehr Spaß als Konfliktberichte!

Willkommen in Galiläa: Der Ausblick aus meinem Zimmer. Rechts der See Genezareth, links die Schweiz (so stand es
zumindest auf dem Straßenschild - wenn die Schweiz nur immer so nah wär...)

Hallo Urlaub! Eine Jugendherberge nach israelischem Standard, der sehr
hoch ist.
Los ging das Abenteuer am Donnerstag nach den letzten Seminaren um 16.30 Uhr. Naja, sagen wir besser so, da sollte es los gehen. 17.30 Uhr zeigte die beleuchtete Digitalanzeige im Auto, als die Nacht uns schon umhüllt hatte und die Motoren der Rennwägen -drei bis auf die Zähne aufgemotzte Minibusse - aufheulten. Dafür, dass unzählige Pferde unter der Motorhaube steckten, ging es im gemütlichen Trabschritt über die Straßen des Westjordanlands über das Tote Meer und das Jordantal hinauf zum See Genezareth. "Hinauf" übrigens im wahrsten Sinne des Wortes, weil das Tote Meer ja so tief liegt, dass es kaum noch tiefer geht. Gegen 20 Uhr erreichten wir dann auch unsere Luxusherberge in Porriya am Ufer des Sees, die uns gleich mit einem reichhaltigen und vor allem fleischhaltigen Essen überraschte. Dass man aus unserem Zimmer dann auch noch einen Ausblick auf den See hatte und das Frühstück einem Tränen in die Augen trieb, weil die Auswahl so groß war, geraten da fast schon zur Nebensache. So lässt sich es aushalten.

Am ersten Tag hatte Martin, unser Studienleiter, für uns ein straffes Programm entworfen, das auch dadurch eingehalten werden musste, weil die Nationalparks am Sabbatvorabend früher schließen. Wo man in Galiläa steht und geht und sich umdreht, sieht man alte Steine, die nur darauf warten, dass sie die Geschichte erzählen dürfen, die in ihnen steckt. Wo fängt man also an? Darüber lässt sich bestimmt streiten, aber wir für unseren Teil begannen in alttestamentlicher Zeit mit dem Tell Dan, der zum einen dazu einlädt, mehr über die Opferriten im Alten Testament zu erfahren, und zum anderen mit einer saftig grünen Umgebung seine Besucher erwartet.
Am damaligen Tempel von Dan wurde fleißig geopfert. Beispielsweise wurde in dem Bereich mit der modernen Metallkonstruktion das Opfertier geschlachtet und zum Opfer vorbereitet. Dieser Teil des Tempels war ganz selbstverständlich für das normale Volk unzugänglich und nur die Priester konnten dort ihre Arbeit verrichten. Wie das Ganze ablief, zeigt uns - wohl etwas unfreiwillig das Schild der israelischen Nationalparksbehörde: Das Tier wurde geschlachtet und auserlesene Teile oder komplett dann gegrillt. Beim Grillen haben aber die Priester (bewusst) den Garpunkt etwas weiter hinten angesiedelt, so dass vom Fleisch am besten nichts mehr übrig blieb. Was man dann noch vom Grillen hat? Naja, man selber nichts, aber immerhin die Gottheit.
Der weitere Tag wurde dann mit einem Besuch in Banias und nach windigem Mittagessen auch einem Besuch der Kreuzfahrerfestung Nimrod fortgesetzt. Zu beiden Stellen wäre wieder so unheimlich viel zu erzählen, aber ich möchte eure Geduld ja auch nicht überstrapazieren.

Drei Lektionen, die uns dafür die letzte Ausgrabung des Tages gelehrt hat:
1. Glaube nicht allen Informationen, die auf Schildern für Touristen angebracht wurden. Kurz und schmerzlos desillusionierte uns Martin, indem er uns sagte, dass vor der riesigen Höhle in Banias wahrscheinlich doch kein Augustus-Tempel stand.
2. Tore und Zäune sind nicht zur Absperrung da. Mitten in der Pampa enterten wir eine amerikanische Ausgrabung, die vermutlich den wirklichen Augustus-Tempel von Herodes (ja genau, der böse aus dem Neuen Testament) zeigt und allerhand darum herum zu bieten hat.
3. Im Gegensatz zu touristischen Tafeln sind Minenschildern ernst zu nehmen. Umgeben von Minenfeldern traute sich wirklich niemand, das abgesperrte Gebiet zu verlassen. Man  muss ja nicht alles gesehen haben...




Finde den Unterschied! Ja, zugegeben, die Perspektiven machen es nicht leicht, bei diesen antiken Puzzlespielen die Unterschiede zu finden, aber via Ausschlussprinzip kann ich euch schon einmal verraten, was den Mosaiken gemeinsam ist. Alle drei liegen in ehemaligen Synagogen aus dem 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. im Norden Israels. Momentle, da werden bei einigen die Alarmglocken schrillen: Bilder, Tierkreiszeichen auf Fußböden in Synagogen. Was ist da mit dem alttestamentlichen "Du sollst dir kein Bildnis machen."? Scheinbar ging das in der damaligen Zeit unter. Der kulturelle Einfluss der Römer ist wohl der größte Grund dafür gewesen, aber vielleicht hat es den Gemeindemitgliedern auch einfach nur gefallen. Auf jeden Fall haben sie wunderschöne Kunstwerke für die Nachwelt geschaffen...
 Auch landschaftlich hatte unsere Exkursion so einiges zu bieten. Wie hier in Gamla kam etwas Herr-der-Ringe-Gefühl auf - verbunden natürlich mit alten Steinen. Die "Rebellen" im jüdischen Krieg von 66-70 n.Chr. hatten dort eine richtige Hochburg. In einer Schlucht, die hier auf dem Foto nicht zu sehen ist, plätschert ein idyllischer Wasserfall und eine - na, was wohl? - Synagoge dort verknüpfte unser Wissen aus dem Talmud mit steinharten Fakten. Bänke in der Synagoge zeigten, dass dort die Männer nicht saßen, sondern lagen. Im Talmud steht dazu, dass man aber bitte auch immer auf der linken Seite liegen sollte. Warum? Na, ganz logisch. Wenn man auf der rechten Seite liegt, ist die Ordnung von Speise- und Luftröhre vertauscht und man verschluckt sich andauernd!
Verschlucken kann man sich, finde ich, auch bei diesem Ausblick! Beth Shean, die große römische Stadt, die zu ihrer Blütezeit bis zu 40 000 Bewohnern Schutz bot. Eine Einkaufsstraße, ein Theater, ein Badehaus und vieles mehr boten den Bürgern auch genügend Annehmlichkeiten. Dass wir uns richtig verstehen: Beth Shean ist natürlich um einiges älter als das was man noch von den Römern sieht, aber außer ein paar Tempeln haben die Ägypter ca. 2000 Jahre vorher einfach nicht so viel übrig gelassen.
Wie ihr euch denken könnt, habe ich jetzt trotz dieses langen Eintrags, einiges weg lassen müssen. So ist das eben mit den sieben fetten und den sieben dürren Jahren, aber vielleicht gibt es einmal Zeit das andere noch etwas aufzurollen, damit ihr noch mehr einen Einblick bekommt, wie viele Schätze dieses kleine Stück Land hier bieten kann.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Sonntag und bis zum nächsten Mal.
Euer,
Martin

Dienstag, 20. November 2012

Quo vadis?


Liebe Blogleser,

bevor ich an meiner Mini-Dokusoap über meinen Alltag fortfahre, will ich euch einen Einblick geben, wie ich gerade in Israel die Lage erfahre und vielleicht auch so manchen deutschen Medienbericht um das ein oder andere ergänzen. 
Achtung Minen: Spuren aus der Geschichte des Staates Israels im Golan
Schaut man auf die Straßen Jerusalems erkennt man kaum, dass nur ca. 80 km weiter südwestlich in der palästinensischen Bevölkerung und in der israelischen Bevölkerung das Leid steigt. Die Straßen hier sind nicht weniger oder mehr von Männern und Frauen in Olivgrün bevölkert, die Maschinengewehre werden von manchen wie vor dem Krieg an der Leine ausgeführt und als westlich aussehender Mensch kommt man immer noch leicht durch die Kontrollen, die es auch schon vorher überall gab. Wenn man nicht darauf achten würde, würde es einem kaum auffallen, dass statt zwei eben vier Polizisten an jedem Eingang des Marktes stehen, dass fast bei jeder Fahrt in der Straßenbahn die Sicherheitsbediensteten einen Durchgang machen und dass die Menschen etwas nervöser sind, wenn dort eine Tasche oder ein Rucksack nicht eindeutig zugeordnet werden kann. Offenbar hat diese Stadt gelernt, nach Schocks sich schnell zu schütteln und dem gewöhnlichen Alltag nachzugehen.
Der Schock selber war Freitagnachmittag um 16.30 Uhr als in manchen Stadtteilen Jerusalems die Sirenen aufheulten, die eine Rakete ankündigen. Dass Raketen im Besitz der Hamas sein könnten, die auch Tel Aviv erreichen könnten, war bekannt, dass die Hamas aber das Risiko eingehen würde, auf Jerusalem zu feuern und damit auch andere Palästinenser zu gefährden, dachten nicht viele. Letztendlich war alles halb so wild, weil die Rakete ca. 25 km entfernt von Jerussalem einschlug. Was die deutschen Medien meist nicht weiter erwähnen, ist, dass die Raketen, die die Hamas zum Großteil selbst bastelt, keine wirkliche verheerende Wirkung haben. Wenn sie ein Gebäude treffen, zerstören sie häufig nur den getroffenen Raum und Menschen in ihrer Nähe werden, wenn sie in unmittelbarer Nähe sind, verletzt, aber selten getötet. 

Ein Landungssteg mitten im See ohne Verbindung zum Land: Auf seine
Art und Weise ein Sinnbild für die Situation jetzt. Wer stellt den Übergang
zum sicheren Festland her?
So, das war der journalistische Teil. Ich selbst bin wohlauf und gehe ganz im Jerusalemer Geist meinen Alltagsgeschäften nach. Wie ihr alle, saßen wir am Freitag, während hier die Sirenen heulten, nicht in Jerusalem. Unsere erste Exkursion führte uns nach Galiläa im Norden Israels, wo kein Mensch sich über Raketen aus dem Gazastreifen Sorgen machen muss, weil man viel zu weit davon entfernt ist. Mit internetfähigen Handys hielten wir uns auf dem neusten Stand und Gespräche mit unserem Studienleiter Martin halfen uns, die Lage richtig einzuordnen. Auch jetzt wieder zurück in Jerusalem sind wir vom Programm und von der Uni mit genügend Informationen versorgt, dass wir uns sicher fühlen können und ihr euch zuhause um uns keine Sorgen machen braucht. Ich für meinen Teil denke, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch wieder in und um Gaza herum Ruhe einkehrt. Nur so könnten alle Beteiligten größeren Schaden vermeiden und ihr Gesicht wahren. Ob hier Politik tatsächlich so rational gemacht wird, steht wieder auf einem anderen Blatt. 
Geöffnete Türen für den Frieden?
Im Moment wird von über 100 Todesopfern innerhalb von nur einer Woche gesprochen und ich selber stelle mir die Frage, wie viele Menschen noch sterben müssen, bis beide Seiten erkennen, dass in dieser Gewalt nicht der Schlüssel zum Frieden liegt. Manche Israelis in Gazastreifennähe versprechen sich davon wieder ein paar Monate Ruhe vor Raketenangriffen. Und nach diesen Monaten? Sollen wieder hundert Menschen dafür sterben müssen, damit es die nächsten Monate ruhig ist? Aus der anderen Perspektive: Müssen wirklich pro Tag über hundert Raketen fliegen, die bewusst die Zivilbevölkerung zum Ziel haben, um ein Ende der Blockade zu erreichen? Müssen wirklich ganze Städte stundenlang in Schutzräumen bleiben und Angst haben, nur dass jemand sein Ziel erreicht? - Man kann aus der Situation lernen, dass in diesen Tagen keine Antwort einfach ist und dass die Spirale der Gewalt verlockender ist als gemeinsame Verhandlungen. 
Ein Bericht über die Exkursion wäre, glaube ich, der Sache nicht angemessen, deshalb lasse ich es aus diesem Eintrag heraus und lasse spätestens zum Wochenende etwas dazu folgen. Wenn ihr etwas für das Land und seine Menschen tun wollt, dann denkt im Gebet an die verzwickte Situation hier und daran, dass die Regierungen der beiden Völker einen Weg finden, der nicht mehr unschuldige Zivilisten das Leben kostet und in Angst versetzt.

Euer,
Martin

Freitag, 2. November 2012

Alles Gute zum Alltag Teil 1

Liebe Blogleser,

hier bin ich wieder!
Nach der zweiten Uni-Woche tauche ich wieder auf, nachdem ich hin und wieder dachte, ich müsse ertrinken. Weil es hier aber seit ich hier bin außer vereinzelten Tropfen immer noch nicht geregnet hat, war das ja auch nur eine Frage der Zeit. Wenn diese Tage der November anfängt, dann steigt zumindest auch das Regenrisiko und damit die Vorfreude der lechzenden Erde und der Studenten, bei denen sich durch die Trockenheit quasi täglich genügend Staub zum Wischen im Regal und auf dem Schreibtisch findet.

Schreibtisch ist übrigens ein gutes Stichwort! Am Sonntag vor zwei Wochen begann für mich der Alltag an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Befreit vom Feriensprachkurs macht der Campus gleich noch einmal einen anderen Eindruck und es gibt innerhalb der hohen Hallen auf dem Scopusberg noch so einiges mehr zu entdecken als zuvor gedacht. Ich dachte mir für diese Woche, dass ich euch einmal einen Teil meines "ganz normalen Tages" (in Anführungsstrichen, weil es den einfach gar nicht geben kann) vorstelle und euch mit hineinnehme in die fabelhafte Welt des Martin K..
Hier beginnt mein Tag im Normalfall um 0.00 Uhr, meistens bekomme ich davon aber auch herzlich wenig mit. Außer die Bumm-Bumm-Restaurants von unten haben wieder eine besondere Aktion oder einfach mal wieder Lust auf einen starken Bass. Dann kann man sich drehen und wenden, wie man will, aber den Bass spürt man - zum Glück gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Irgendwo zwischen 3.30 Uhr und 6.30 Uhr ist dann die Zeit in der das Bett und sein Belagerer die Ruhe der Nacht verspürt, bevor die Reinigungskräfte der Bumm-Bumm-Restaurants kommen und lautstark sauber machen. Dass man in Arabisch-Sprachkursen aufgerufen wird zu "kämpfen", weil "Arabisch Kämpfen ist" (sorry Nancy, hier verpulvere ich deine Anekdote), wird ab 6.30 Uhr klar. Aus voller Kehle wird durch den Innenhof gerufen und mit sicherlich nicht ganz gesunden Mitteln der Steinboden geschrubbt. An Sprachkurstagen brauche ich mich dann auch nicht mehr umzudrehen, weil um 6.55 Uhr eh der Wecker klingelt (hier mein Handy, wodurch mir die SWR 1-Nachrichten am Morgen natürlich fehlen).
Anschließend kommt das Frühstück. Brot, Butter und Marmelade sind gerade bei mir Fehlanzeige, weil ich mich im Moment an der Pita (Weißbrotfladen) ziemlich satt gegessen habe und alles andere Brot eher als Luxusgut und nicht als Grundnahrungsmittel vermarktet wird. Daher gibt es eben ein Früchtemüsli zum Frühstück: das ist gesund, lecker, versorgt einen mit genügend Zucker bis zum Mittagessen und ist ganz nebenbei auch erschwinglich. Der einzige Nachteil ist, dass in den wertvollen frühen Morgenminuten eben ein bisschen mehr Zeit dafür gebraucht wird als für ein Gsälz-Brot.
Danach geht es mit der Straßenbahn zur Uni. Hört, hört! Der Bus ist bei mir inzwischen für den Weg zur Uni stark in der Beliebtheitsskala gesunken. Das liegt weder am Fahrstil der Busfahrer, von dem ich schon einmal berichtet habe, noch an den teilweise etwas museumsreifen Modellen, die die Fahrgäste befördern, sondern hauptsächlich daran, dass es zu den Stoßzeiten zur Zitterpartie wurde. Immer, wenn ich zur Uni fahren wollte, konnte ich frühestens in den zweiten Bus meiner Linie einsteigen, weil die anderen schon zu voll waren und teilweise gar nicht mehr anhielten. Der zweite Negativ-Punkt für den Bus ist der Verkehr in Jerusalem. Gegenüber der Sprachkurszeit braucht der Bus gerade im Verkehr teilweise fast drei Mal so lange, weil sich immer wieder Staus bilden. Deshalb ist die Lösung: Die Straßenbahn; welche übrigens eine für Jerusalem bezeichnende Geschichte hat. Der Bau der einzigen Linie, die es hier gibt, dauerte mehrere Jahre und böse Zungen behaupteten schon, dass der Messias komme, wenn sie fertiggestellt ist. Nicht nur ein Mal mussten an manchen Stellen die schon fertig gestellten Schienen wieder herausgerissen werden, weil darum herum aus Versehen die falschen Pflastersteine verwendet wurden oder festgestellt wurde, dass die Schienen für die Bahn nicht passen. Als die Straßenbahn dann in Betrieb genommen wurde (jetzt kommt übrigens die zweite Geschichte aus der N[ancy]-Quelle), sollte man die ersten Wochen gratis fahren können, um es zu schaffen, dass die Straßenbahn von den Bürgern angenommen wird. Aus den ersten Wochen wurden die ersten Monate, weil es irgendwie nicht richtig funktionieren wollte, das Bezahlsystem zu installieren und konsequent zu betreiben. Diese Publicity-Maßnahme hat scheinbar gut gewirkt: Die Straßenbahn wird stark in Anspruch genommen, gerade vielleicht wegen der Nachteile des Busfahrens. Durch weniger und kürzere Stops an Haltestellen, weniger Ampeln und Unabhängigkeit vom sonstigen Verkehr ist die Straßenbahn bedeutend schneller und fährt noch dazu quasi fast vor meiner Haustür ab. Einziger Nachteil: Ab der Haltestelle sind es noch 15 min Fußweg bis zur Uni, wenn man stramm läuft. Aber bei Früchtemüsli und gesundem Lebensstil kann man das auch guten Gewissens unter Frühsport verbuchen...

So, ihr ahnt es: Der Schreibtisch ruft. Bis Sonntagmorgen muss ich für meinen Talmudkurs noch ein Dokument erstellen und online stellen, am Montag wartet der erste Test im Hebräisch-Sprachkurs und für mein Seminar über das Richterbuch wollen noch zwei Aufsätze gelesen werden. Der Alltag geht weiter und seine Beschreibung im Blog das nächste Mal auch!

Warme Grüße (gestern 33°C) aus Jerusalem und einen frohen Alltag,

euer Martin

Freitag, 19. Oktober 2012

Hoffnungsdrachen?

Liebe Blogleser,

gerade wird mir bewusst, dass die letzte Ferienwoche für dieses Jahr beinahe vorüber ist und ich mich eigentlich nicht beklagen kann, dass ich sie nicht anständig genutzt hätte. Solange heute wieder die freitagsüblichen Einkäufe und der nasse Lappen für den ein oder anderen Teil der Wohnung anstehen, kann ich mir schon einmal Gedanken machen, wie lange es am Sonntag wohl dauern wird, die Räume an der Universität zu finden. 12.30 Uhr beginnt für mich meine erste Lehrveranstaltung auf Neuhebräisch, was mich im Moment ehrlich gesagt noch etwas beklemmt. Vier Stunden die Woche wird mich der Talmud beschäftigen, zehn Stunden weiterhin der Sprachkurs und acht Stunden Lehrveranstaltungen zum Alten Testament - ganz grob gesagt. Ich werde ja noch genügend Zeit haben, euch bis Januar etwas über die einzelnen "Fächer" zu berichten.

Gestern machten wir uns auf, einen Tag lang im Westjordanland, genauer gesagt in Beit Jalla, zu verbringen. Beit Jalla ist von den Stadträndern Jerusalems wahrscheinlich nicht einmal 10 km entfernt und gleichzeitig findet man sich auf der anderen Seite des Checkpoints in einem anderen Staat wieder.
1949, nachdem der gerade ein Jahr alte Staat Israel seinen ersten Krieg gegen die arabischen Nachbarländer gewonnen hatte, wurde von den Vereinten Nationen eine grüne Linie gezogen, um den Waffenstillstand zwischen Israelis und Palästinensern zu wahren. Auch heute ist die grüne Linie die Basis für die Friedensverhandlungen im Nahostkonflikt. Nach weiteren Scharmützeln war die nächste Station im Konflikt der Sechs-Tage-Krieg 1967, in welchem Israel die Gebiete jenseits der grünen Linie besetzte. Abgesehen vom Abzug aus dem Gaza-Streifen vor ca. zehn Jahren, hält diese Situation bis heute noch an. Aus israelischer Sicht bieten die zahllosen Checkpoints, die teilweise an Flughafenterminals erinnern, und die Mauer, die seit 10 Jahren gebaut wird, Sicherheit für die eigenen Bürger. Aus palästinensischer Sicht ist es eine Einschränkung in der persönlichen Freiheit, die Menschen verzweifeln lässt.
Der Schulhof mit Markierungen, damit beim Fahnenappell alle Klassen
auch in einer Linie stehen.
 Morgens hatten wir die Möglichkeit der Talitha-Kumi-Schule in Beit Jalla einen Besuch abzustatten. Die Schule ist eine anerkannte deutsche Schule, die vor 162 Jahren vom Berliner Missionswerk gegründet wurde. Johannes, ein deutscher Lehrer, dessen Frau im letzten Jahrgang von Studium in Israel war, führte uns durch die Schule und arrangierte ein Treffen mit seiner Klasse, die auf dem Weg zum deutschen internationalen (heißt wirklich so) Abitur ist. Da die Schüler Unterricht in und auf Deutsch erhalten, konnten wir uns mit ihnen auf Deutsch über ihre Erfahrungen an der Schule, ihre Zukunftspläne und ihre Freizeitgestaltung unterhalten. Danach wunderte uns nicht mehr, dass die Schule auch in internationalen Kreisen ein hohes Ansehen genießt und außer dem aktuellen bisher jeder Bundespräsident während seiner Amtszeit zu Besuch war.




Mittags unternahmen wir eine kleine Wanderung um eine gerade entstehende israelische Siedlung im Westjordanland. Seit mehreren Jahren entstehen immer wieder kleine israelische Inseln jenseits der grünen Linie, was das Verhältnis zwischen den beiden Konfliktparteien nicht wirklich verbessert. Gleichzeitig darf man sich die Siedlungen auch nicht nur als eine kleine Ansammlung von Häusern vorstellen, denn teilweise gibt es heute schon Siedlungen in Städtegröße.
Die Häuser auf dem Bild nebenan sind bereits fertig gestellt, warten aber noch auf ihre ersten Bewohner. Auf der anderen Seite des Hügels wird momentan eine Straße gebaut, die die Siedler mit Jerusalem verbinden soll, damit sie nicht die Straßen des Westjordanlandes benutzen müssen.

Man darf gespannt sein, wie sich die Zukunft der beiden Länder, denn eine Zwei-Staaten-Lösung ist auch die politische Linie Israels, gestaltet und wie viel Wasser bis dahin noch den Jordan hinunter fließt...

Herzliche Grüße aus dem endenden Lotterleben,
euer
Martin


P.S.: "Hoffnungsdrachen" heißt ein Lied von Christoph Zehendner über Kabul, was mir aber hier immer wieder in den Sinn kommt.


Donnerstag, 11. Oktober 2012

Zwischen Orangen und dem Frühlingshügel



Hallo liebe Blogleser,

nach einer sturmfreien Woche in Jerusalem (mein Mitbewohner kehrt heute wieder zurück) ist es mal wieder Zeit für die aktuellsten Nachrichten aus meinem Ferien-Dasein. Gestern Abend, als ich wieder auf dem Weg zurück von Tel Aviv nach Jerusalem war, fiel mir auf, dass es das dritte Mal innerhalb einer Woche war. Damit ihr seht, dass man ein und dieselbe Stadt drei Mal innerhalb einer Woche besuchen kann und irgendwie doch immer anders wahr nimmt, hier meine drei Tel Aviven (wie Diva - Diven :-)):

Ein Beispiel für ein Haus der "Weißen Stadt": In diesem
Gebäude wurde am 14. Mai 1948 von David Ben Gurion
der Staat Israel ausgerufen. Momentan wird dort (zurecht)
renoviert.
Numero 1 - Tel Aviv, die Urlaubsstadt: Donnerstag letzte Woche stand mein erster Ausbruch aus Jerusalem bevor. Weil so ein Unternehmen fachkundig angeleitet werden muss und bei Ersttätern immer wieder nachgeholfen werden muss, habe ich mir mit Stefan einen ausgewiesenen Ausbruchs-Experten ins Boot geholt. Stefan war Mitstiftler in Tübingen, ehemaliger Studium-in-Israeler und macht jetzt nach seinem Examen ein Praktikum in einem Jerusalemer Archiv. Von Norden nach Süden durchquerten wir die Stadt entlang des Mittelmeers, wo den keuschen Jerusalemer so mancher blanke Fleck Haut schockierte. Weite Strände hinter der Skyline und strahlender Sonnenschein haben mich spätestens in den Ferienmodus versetzt. Am südlichsten Punkt unseres Marsches legten wir eine Mittagspause in einem Restaurant ein, in dem mich besonders eine sehr leckere, koschere Pizza anlachte. Danach ging es durch die bekannte "Weiße Stadt" zurück Richtung Norden. Die "Weiße Stadt", die meiner Meinung nach eher grau ist, ist von der UNESCO 2003 zum Weltkulturerbe erklärt worden und stellt die größte zusammenhängende Siedlung im Bauhausstil dar. Zitat aus dem Reiseführer (an dieser Stelle nochmal einen herzlichen Dank an Uwe und Antje): "Zum 100-jährigen Geburtstag von Tel Aviv wurden viele Häuser aus dieser Zeit renoviert, aber für einen großen Teil fehlt leider immer noch das Geld, sodass sich heute die Häuser in sehr unterschiedlichem Zustand präsentieren." Wie schön man das doch umschreiben kann...

Blick auf die Skyline mit Moschee. Auch im säkularen Tel Aviv gibt es
eine Vielfalt der Religionen.
Numero 2 - Tel Aviv, die "historische" Stadt: Vergangenen Dienstag durfte ich bei einer Exkursion des Theologischen Studienjahrs der Dormitio nach Tel Aviv und Jaffo zu Gast sein und mit einer ganz anderen Brille die Stadt kennen lernen, die mir zuvor zwei große Blasen und eine offene Ferse beschert hat. Man will ja nicht nachtragend sein und deshalb machten wir uns zusammen mit Tamar Avraham auf die Suche  nach den Anfängen des jüdischen Tel Avivs und des arabischen Jaffos (arab. Jaffa).  Auf dieser historisch-politischen Exkursion wurde uns gezeigt, wie die Zeit vor und um die Staatsgründung Israels 1948 an konkreten Orten ablief und wie es dabei auch der arabischen Bevölkerung erging. Jaffa war früher für seine Orangenplantagen bekannt, die sich in der Umgebung befanden (deshalb heißen die Orangenkekse ja auch "Jaffa Cake"). In der Zeit unter muslimischer Herrschaft brachte es die Stadt nicht zuletzt durch den wichtigen Hafen zu einem beträchtlichen Reichtum. Ende des 19. Jahrhunderts besiegelte gerade dieser Hafen einen Umbruch in der Geschichte Jaffas. Durch verschiedene Pogrome in Europa und den Zionismus kamen immer mehr jüdische Einwanderer über den Hafen in die Stadt. Manche dieser Einwanderer gründeten nur wenige Kilometer weiter nördlich dann das heutige Tel Aviv, was bald in direkter Konkurrenz zum beschaulichen Jaffa stand. Eine schwierige Geschichte zweier benachbarter Städte begann, was darin endete, dass das Ganze heute offiziell Tel Aviv-Jaffo heißt, aber der Junior den Senior längst geschluckt hat. Heute ist Jaffo besonders für seine Kunst bekannt. In einem Teil der Stadt reiht sich ein Kunstladen an den anderen und ist bekannt für seine originellen Straßenschilder.
Der schwebende Baum. Ja, das ist
auch Kunst.
Kunst im "Migdal Schalom": Der Teil eines riesigen modernen Mosaiks
lädt zum Suchen und Grinsen ein. Wer findet den Spaß?
Numero 3 - Tel Aviv, die Durchgangsstadt: Der kürzeste Aufentahalt in Tel Aviv war gestern, als ich dort auf dem Weg zu einer Vortragsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Herzliya (ca. 20 km nördlich von Tel Aviv) umsteigen musste und nicht nur ein bisschen ins Schwitzen kam. Das lag weniger an dem feucht-warmen Klima der Stadt, sondern viel mehr daran, dass die Bussteige sich nicht dort befinden wollten, wo ich sie vermutete. Stattdessen gaukelte mir der Bahnhof vor, der Zugang zu den anderen Bussteigen zu sein und schwupps war ich im Besitz eines Bahntickets nach Herzliya. Dummenglück: Das Bahnticket war im Vergleich zum Busticket um sagenhafte 1,40 Schekel (ca. 28 Cent :-)) günstiger und ich war 10 min schneller in Herzliya. Weil die Israelis aber die Gewohnheit haben, die Bahnhöfe eher außerhalb der Städte zu haben, durfte ich auch 40 min länger zu Fuß gehen. Episoden, die das Leben schreibt...

So viel zu Tel Aviv. Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen, aber es kommen vielleicht wieder sieben dürre Jahre, in denen ich noch über manche Story dankbar bin.

Nächtliche Grüße,
euer
Martin


Freitag, 5. Oktober 2012

Verschlungen im schwarzen Loch der Vergangenheit

Liebe Blogleser,

obwohl die Überschrift es vermuten lässt, hat Studium in Israel e.V. keinen Arbeitskreisbeschluss gefasst, dass ab sofort alle Studierende einen Astronomiekurs belegen müssen - wobei das auf Hebräisch bestimmt auch einmal amüsant wäre. Naja, man muss ja nicht alles haben...
Vergangenen Samstag veranstaltete das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes (DEIAHL) in Kooperation mit der Erlöserkirchengemeinde eine Gemeindefahrt nach Megiddo und Caesarea maritima. Der humorvolle und hochkompetente Leiter der Exkursion war Prof. Vieweger, der gleichzeitig auch die Leitung des DEIAHL inne hat.

Als erstes möchte ich euch nach Megiddo mit hineinnehmen und euch ein paar Dinge zeigen:
Im Tor ein Blick auf zwei Kammern.
 Herzlich Willkommen in meiner bescheidenen Stadt. Leider haben die Jahrhunderte von ihr nicht mehr viel von ihr übrig gelassen, aber trotzdem ist sie noch ein wahres Schmuckstück. 
Meine Gäste heiße ich, der Stadtkönig, in diesem Tor willkommen. Ganz klassisch, wie viele andere vor 3000 Jahren, hat es sechs Kammern. Dort vertrieben sich nicht nur die Wachen ihre Zeit mit Spielen wie "Ich sehe was, was du nicht siehst  (und das ist staubig grau)", sondern hier fand auch die Rechtssprechung statt. Wenn zwei Personen Probleme miteinander hatten, versammelten sie sich im Tor, um einen Richter entscheiden zu lassen. 
Wenn ihr jetzt denkt, dass das alles von meinem Tor ist, dann liegt ihr falsch. Oben auf diesem Steinfundament gab es noch weitere Stockwerke aus Holz, was natürlich auch mehr Eindruck bei meinen Besuchern und Feinden schinden konnte. In diesen Holzzimmern arbeiteten meine Generäle und andere Beamten. Ob das so ganz sicher war, kann ich jetzt aber auch nicht mehr sagen. Ist ja schließlich auch schon eine Weile her.
Übrigens: Dieses Tor ist nur ein Teil einer imposanten Toranlage, die noch größer war. Okay, genug angegeben mit dem Tor - lasst uns einen Blick ins Innere der Stadt wagen.

 Ich sagte doch: es blieb nicht viel übrig. Leider haben Möchtegern-Archäologen aus einem Land, das mit U anfängt und mit A aufhört (und es ist nicht Uganda), Anfang des 20. Jahrhunderts eine schicke Kerbe in den ganzen Hügel eingegraben, sodass noch weniger übrig ist als vorher. Immerhin haben sie die Palmen von damals stehen lassen...
Der erste übrigens, der laut Prof. Vieweger richtig die Stadt ausgegraben hat, war der Schwabe Gottlieb Schumacher, seines Zeichens eigentlich Bauingenieur und Architekt: Wir können alles - auch ohne es gelernt zu haben - außer hochdeutsch.

Die Wohngebäude des niedrigen Pöbels überspringen wir einmal und kommen stattdessen noch zum Tempelbezirk. Welcher Gott hier angebetet wurde, weiß zwar niemand so richtig, aber die ziemlich runde Ansammlung von Steinen war immerhin ein sehr großer Altar für jene Gottheit. Darum herum stehen die Tempelmauern aus verschiedenen Jahrhunderten. Der Reichtum der Stadt, der von Handelseinnahmen und der umliegenden Jesreel-Ebene kam, zeigte sich an den Tempelbauten in Form von (sonst eher seltenen) Säulen oder Erweiterungsbauten.

 Zum Schluss mein persönliches Highlight von Megiddo: Die scheinbaren Ställe des Salomo, oder: Wenn man etwas finden will, findet man es auch (vorläufig). Bei der Erkundung Megiddos fielen den Archäologen Tröge ins Auge und weil sie in der Bibel bewandert waren, schlossen sie unmittelbar darauf, dass dort die Pferdeställe Salomos gewesen sein müssen, von denen in den Königebüchern berichtet wird. Nun zogen sich diese Tröge aber durch das ganze Gebäude und die Grundmauern lassen auch keinen anderen Eingang erwarten. Wie hätten die armen Tiere denn in ihren Stall kommen sollen? Prof. Vieweger vermutete scherzhaft, dass sie jedes Mal am Dach böse den Kopf angeschlagen haben müssen. Gleichzeitig wurde dort nicht einmal der Hauch eines Pferdeäpfelchens gefunden, was mit heutigen Methoden recht gut nachweisbar ist. War es also vielleicht doch eher ein Vorratsgebäude? Dass die Pferde trotzdem eingezogen sind, sieht man ja...

So, genug geschwärmt von diesem großartigen Ort! Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen mit hineinnehmen in die alte Zeit. Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen, aber das Interessanteste ist gesagt. Über Caesarea kann ich auch ein anderes Mal noch berichten.

Bis dahin ein schönes Wochenende und herzliche Grüße aus dem zappendusteren Jerusalem,
euer
Martin

Einblick in unsere schöne Jaffostraße

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Wenn die Welt still steht...

Liebe Blogleser,

heute möchte ich euch in eine Welt entführen, die ohne Fotos auskommen muss. Eine Welt, die außerhalb Israels kaum noch wahrnehmbar ist; eine Welt, die dem unermesslich schnellen Strom unserer Zeit für einen Tag die Stirn bietet.

Jom Kippur

Der Jom Kippur (auf Deutsch: Versöhnungstag) hat seine Wurzeln im Alten Testament in 3. Mose 16 und ist auch im heutigen Israel noch der höchste Feiertag des Jahres. Der Tag heißt deshalb Versöhnungstag, weil er die Menschen mit Gott versöhnen soll. All die Verfehlungen gegenüber Gott, die sie im vergangenen Jahr begangen haben, sollen an diesem Tag ins Reine gebracht werden. Man könnte sagen, dass mit dem Neujahrsfest auch eine Bußzeit beginnt, die wir hier sehr intensiv erleben konnten.
In der Nacht vor Jom Kippur trafen wir uns mit Ophir, um mit ihm sogenannte "Slichot-Gebete" zu besuchen. Als wir morgens um halb vier die erste Synagoge betraten, waren die Männer und Frauen schon intensiv im Gebet und hielten sich mit Schichten an der Kaffee-Maschine wach. Die Vorstellung, dass im Himmel an Rosch haschana drei Bücher aufgeschlagen werden - ein Buch des Lebens, ein Buch des Todes und ein Buch für alle dazwischen (worin sich die meisten Namen befinden) - bewirkt, dass die Menschen um Gottes Erbarmen bitten und ihn daran erinnern, dass er sich auch schon ihren Vätern (also Abraham, Isaak und Jakob) und Müttern gnädig gezeigt hat. 
Nach den Besuchen in den Synagogen zeigte uns Ophir noch den Brauch der Kaporot, der wahrscheinlich das Abstruseste war, was ich bisher gesehen habe. Zur Idee des Versöhnungstags aus der Bibel gehört, dass die Sünden des Volkes auf einen Bock (den Sündenbock) übertragen werden, der dann in die Wüste gejagt wird. In Europa entwickelte sich über die Jahrhunderte ein anderer Brauch, der mit Hühnern zu tun hat. Man kauft sich ein Huhn, das man an der Gurgel packt und während man ein Gebet spricht über dem Kopf kreisen lässt. Das Tier quiekt fürchterlich, aber nach der Tradition werden durch das Gebet und das Kreisen die Sünden auf die Henne übertragen. Anschließend gibt man das schuldbeladene Tier einem Mann, der ca. vier Hühnern pro Minute die Kehle aufschlitzt, damit sie ausbluten können. Das alles findet auf geschätzten 15 m² statt. In letzter Zeit wurde von verschiedenen Rabbinern Kritik an diesem Vorgang laut. Nicht wegen der Tiere - nein, wie könnte man auch - sondern weil die Hühner danach zu Hühnersuppe verarbeitet werden und den Armen zu essen gegeben wird. Dadurch nehmen die armen Menschen Sünde in ihre Mägen auf, die andere eigentlich abgeladen haben. Ihr seht: An sich ist das System schlüssig.
Mit dem Beginn des Jom Kippurs am Abend zuvor ändert sich das Leben in ganz Israel schlagartig. In die Bumm-Bumm-Restaurants unter unserer Wohnung kehrte gespenstische Stille ein, auf den Straßen gingen die Menschen spazieren, weil man an Jom Kippur nicht Auto fahren darf, die Orthodoxen zogen Crocs zu ihren feinen Anzügen an, weil man an Jom Kippur kein Leder tragen darf, die Radio- und Fernsehsender wurden ausgeschaltet - kurz: Die Welt steht still. Mit Anbruch der Dunkelheit beginnen die meisten Juden einen Tag lang Essen und Trinken zu fasten. Dementsprechend schaute man zur Mincha  am nächsten Tag, dem Nachmittagsgebet vor dem Abend, am Ende des Tages in ausgezehrte Gesichter und in sehnsüchtige Augen, die sich nach dem Stand umschauen, an dem nach dem Fastenbrechen Hörnchen und süße Fruchtsäfte verteilt werden. Dazwischen verbrachte man viel Zeit in der Synagoge, wo viel Zeit im Gebet verbracht wurde. Nach der Besinnlichkeit des Tages brach unter der Menschenmasse eine Erleichterung aus, die sicherlich auf das Fasten bezogen war, als auch darauf, dass nun alles Mögliche getan wurde, um um Gottes Erbarmen zu bitten und es ab sofort nicht mehr im eigenen Vermögen steht, etwas daran zu ändern.

Wie gesagt, gibt es von mir zu diesem Tag keine Bilder, weil es an vielen Stellen die religiösen Gefühle der Menschen hier verletzt hätte, wenn ich Fotos von ihnen geschossen hätte und mit verletzten religiösen Gefühlen kennt man sich ja gerade gut aus. Insgesamt war für mich der Tag so auch intensiver und stieß in mir so manchen Gedanken an.

In den nächsten zwei Tagen folgt dann ein bildreicher Blog zu unserer Exkursion von vergangenem Samstag, von der es auch viel Spannendes zu erzählen gibt.

Bis dahin und viele Grüße,
euer Martin