Montag, 17. September 2012

Endlich...

Liebe Blogleser,

endlich ist es soweit - nein, der VfB Stuttgart hat noch nicht seinen ersten Saisonsieg eingefahren. Das wäre allmählich einen extra Blogeintrag würdig. Vielmehr ist es soweit, dass mein Alltag hier unterbrochen wurde. Während bisher meist nur die Frage war, ob jetzt freitags der Sprachkurs stattfindet oder nicht, war die letzten Tage die Frage: Was sollen wir mit dieser überschüssigen Zeit machen? Seit vergangenem Freitag bis morgen haben wir von der Uni, sozusagen Neujahrsferien.

Blick aus der Propstei auf die Grabeskirche
Wie ihr vielleicht wisst, beginnt im Judentum das neue Jahr im Herbst. Weil die Juden vor mehreren Jahrhunderten es sich durch Zurückrechnen so erklärt haben, schreiben wir seit gestern Abend das Jahr 5773 nach Erschaffung der Welt. Im Gegensatz zu Europa, wo es am Neujahrsvorabend überall kracht und leuchtet, kehrt hier die Stille ein - sogar beim Bumm-Bumm-Restaurant unten. Rosch Haschana findet, wie viele jüdische Feste, im Kreise der Lieben statt und man trifft um 21 Uhr abends fast nur noch die Menschen, die ebenfalls von der Synagoge auf dem Weg nach Hause sind. Mich selbst verschlug es gestern Abend in die große Synagoge hier in Jerusalem, die im Männerteil brechend voll war. Geschätzte mindestens 500 Männer saßen da und lauschten dem Männerchor, der die Gottesdienstbesucher mit in das neue Jahr nahm.

Ein etwas anderer Blick auf die Dächer Jerusalems
Allgemein kam auch schon die ganze letzte Woche Abwechslung in den Alltag. Am Dienstag startete in der Propstei der Erlöserkirche ein kleiner Projektchor, um im November die Eröffnung der Ausgrabungen unter der Erlöserkirche zu untermalen. Klaus Schulten, ein Kirchenmusiker aus Deutschland, hat die Leitung in die Hand genommen. Am Donnerstagnachmittag wollten wir unsere zumindest zeitweilig wiedererlangte Freiheit vom Sprachkurs in einem kleinen Park verinnerlichen. Leider wurde ich schon von der Anreise zu diesem Park etwas traumatisiert: Wir fuhren mit der noch relativ neuen Straßenbahn in Jerusalem bis nach Nachlaot, einem Stadtteil der jüdischen Neustadt und irgendwann stieg sowohl ein älterer Herr, als auch eine junge Frau mit ihrem kleinen Jungen ein. Da ich relativ nahe bei der Tür saß, stand ich für den Herrn auf und stellte mich in den Gang. In der Zwischenzeit war der kleine Junge auf den freien Platz gegenüber gestürmt und kletterte darauf. Dort saß er mit großen Augen und schaute mich an. Irgendwann, als ich ihn auch anschaute, überwand er sich und fragte mich mit heller Stimme auf Hebräisch: "Willst du dich setzen?" Natürlich brüllte die ganze Straßenbahn vor Lachen. Abends erklärte dann unser Studienleiter Martin Vahrenhorst Göttinger Studierenden, die in Jerusalem auf Besuch waren und mehr aus erster Hand über unser Programm erfahren wollten, dass die Menschen oft erwachsener nach Deutschland zurückkehrten als sie kamen. Sorry, aber so erwachsen will ich dann doch nicht sein, dass schon Kinder für mich aufstehen!

Am Freitagabend machten wir uns einmal wieder auf in die Altstadt zum gemütlichen Beisammensein. Von größeren Protesten, wie in vielen anderen Teilen der arabischen Welt, war nichts zu spüren und im Moment deutet auch nicht wirklich etwas darauf hin. 

So viel für heute. Nächsten Sonntag schreiben wir die Abschlussklausur für unseren Sprachkurs und in der Woche danach beginnt unser Blogseminar (gemeint ist natürlich Blockseminar :-) ) mit Prof. Blum aus Tübingen. Auch wenn die Tage weiterhin voll sind, wird es langsam ruhiger.
Herzliche Grüße aus Jerusalem, macht's gut,
euer,
Martin


Samstag, 8. September 2012

Empfangt die Braut!

Liebe Blogleser,

während in Deutschland wahrscheinlich allmählich der Altweibersommer Einzug hält, sengt uns hier immer noch täglich die Sonne die noch vorhandenen Haare an. Wenn es dann Abend wird kühlt es sich inzwischen aber schon stärker ab, so dass zumindest dann ein Hauch von Herbst im Anflug ist. Wie eine Kommilitonin vergangenen Sonntag beim Empfang nach der Einsetzung des neuen evangelischen Propstes in Jerusalem sagte: "Hier klappt das irgendwie nicht so mit dem Wetter-Smalltalk. In Deutschland könnte man sagen: 'Ach, ist das toll, dass das Wetter heute so gut mitmacht.'" Hier ist es aber zumindest momentan überhaupt nichts Besonderes.

Hinter mir liegt eine volle Woche, die gestern von einem Synagogenbesuch zum Sabbatbeginn abgerundet wurde. Der Synagogenbesuch wurde von Ophir, unserem Lehrer, der uns in jüdischer Liturgie unterrichtet, organisiert und wir erhielten vorher noch eine halbstündige Einführung zu diesem Synagogengottesdienst. Den Gottesdienst, den wir mitfeiern durften, muss man sich anders vorstellen als einen christlichen Gottesdienst. Meistens ist der Synagogengottesdienst lauter als der Sonntagsgottesdienst. Laut wird es besonders da, wo es im christlichen Gottesdienst leise wird: beim Gebet. Der Gottesdienstleiter macht den Anfang und jeder einzelne betet in seinem Tempo laut oder manchmal auch leise weiter. Derjenige, der fertig ist, setzt sich einfach wieder hin. Stellt man sich das mal für das Vaterunser vor... Ein weiterer Unterschied ist das Singen. Ohne Begleitinstrument werden Stellen aus dem Alten Testament oder aus der reichen jüdischen Traditionsliteratur gesungen; dazu wird geklatscht, auf den Nachbarstuhl geklopft oder auch getanzt. Damit kommt richtig Stimmung auf, wobei die Fröhlichkeit auch dem Anlass angemessen ist: Der Synagogengottesdienst am Freitagabend ist der "Empfangsgottesdienst für den Sabbat". Sabbat wird im Judentum als eine Braut gedacht, die an diesem Abend zu der Gemeinde kommt. Ophir erzählte uns dazu eine Geschichte (Zitat von Ophirs Tochter: "Abba, did you tell them this stupid story?"). Die Frau Sabbat kommt zu Gott und beschwert sich, dass jeder Wochentag einen Partner hat. Der Sonntag habe den Montag, der Dienstag den Mittwoch und der Donnerstag den Freitag - nur sie sei alleine, sagte sie. Daraufhin sagte Gott: "Dein Bräutigam ist das Volk Israel." - und seitdem empfängt das Volk Israel seine Braut jeden Freitagabend.
Für mich war beeindruckend, wie lebendig und fröhlich es in diesem Gottesdienst zuging. Wir Deutsche wurden alle freundlich begrüßt und von einzelnen Sitznachbarn stellenweise auch in der etwas komplizierten Liturgie unterstützt.

Blick auf den Ölberg mit Himmelfahrtskirche. Eines von vielen Dingen, die
ich bald hier erkunden möchte.
Nun bin ich schon über einen Monat in diesem Land und in Jerusalem, was natürlich die Gelegenheit bietet, ein kleines Fazit für den Anfang zu ziehen: Ja, ich bin hier angekommen. In der jüdischen Neustadt kenne ich mich immer besser aus und auch in der Altstadt erschließt sich nach und nach so manches Gässchen mit seinen Läden für mich. Mein Hebräisch macht deutliche Fortschritte, was man immer wieder in kleinen Alltagssituationen merkt. Dass es noch nicht genug ist, was man auch immer wieder merkt, brauche ich eigentlich nicht sagen. Durch den Stress mit dem Sprachkurs habe ich bisher Jerusalem aber noch nicht so entdecken können, wie ich es gerne würde. Wenn am 23. September dann das Schlussexamen des Sprachkurses überstanden ist, wird genügend Zeit da sein, um auch das ein oder andere ausführlicher zu besichtigen.

So viel für heute. Das nächste Mal gibt es hoffentlich dann auch wieder neue Bilder. Ich wünsche euch morgen einen schönen Sonntag und eine gute Woche.
Herzliche Grüße aus Jerusalem,
euer
Martin

Montag, 3. September 2012

Briefe an den Vater...

Weil schon andere mit dieser Art Text berühmt wurden, versuche ich es auch einmal. Lesen dürfen es trotzdem alle und ihre Klischees bestätigen.


Lieber Papa,

ich weiß, ich habe jetzt schon seit über einer Woche nicht mehr in meinem Blog etwas von mir hören lassen. Das tut mir auch wirklich leid, aber ich musste an der Universität ein Projekt über fünf Seiten schreiben, in dem es um Namen ging. Unter anderem sollte man auch die Frage beantworten, wieso man selbst gerade diesen Namen hat und nicht irgendeinen anderen. Ich habe geschrieben, dass ihr mich "Martin" nanntet, weil ich schon als Kind so furchteinflößend war, dass jeder andere Name, der nicht von einem Kriegsgott kommt, unpassend gewesen wäre. Das war doch richtig oder? Nicht? Achso...

Wieso ich eigentlich schreibe ist eine Weisheit, die du mir von frühester Kindheit mitgegeben hast und an die ich mich in der Zeit nach dem letzten Blogeintrag mehrfach erinnert habe:

Schwäbisch isch d'Weltsproch

Milch ist lecker und gesund. Ein kleiner Beweis
für unsere noch nicht vollendete Kehrwoche.
Beispiel Nr.1: Nach einem Vortrag in der Dormitio gesellt sich der Referent zu der Gruppe, in der ich stand und fragt nach unseren Namen. Obwohl er "Martin" (natürlich schwäbisch ausgesprochen) erst als "Patrick" verstand, hat er "Kächele" gleich verstanden. Auf die Aussage hin, dass ich zuletzt in Tübingen studiert habe, meinte er: "Ja, da lehren die Professoren besonders gerne. Da lesen die Studenten nämlich noch ganze Bücher - weil sie nicht so viel Ablenkung haben." Die schöne schwäbische Provinz also, wo der Student noch seiner von der Natur bestimmten Aufgabe nachgeht. Bald entfernte sich der Referent von unserer Gruppe, aber stieß ca. eine halbe Stunde später wieder dazu - mit den Worten: "Sagen Sie mir bitte nochmal Ihren Namen, ich weiß nur noch, dass er auf 'ele' endet."
Beispiel Nr.2: Mein Mitbewohner Biff lernt auch nach und nach die wichtigen Vokabeln ("gschwend", "billig", "obacha"...), so dass ich hier bestimmt auch bald ohne hochdeutschen Akzent reden kann.
Auch sonst setzt sich langsam der schwäbische Charakter in der Jaffa Street durch. Auf dem Markt werden die Schnäppchen so lange gejagt, bis sie am günstigsten sind. Was heute nicht gegessen wird, gibt's morgen eben nochmal. Wenn es kein Wasser mehr hat, wird halt Tee gekocht und wenn es einen Empfang gibt, dann haut man dort natürlich ordentlich rein. Höchstens an der Kehrwoche müssen wir noch ein bisschen arbeiten...


Ein riesen Fescht in der Jaffo Street mit einem Ausschnitt der Gegensätze
der Stadt.
Ach ja und da ist dann noch so einiges, dieser Stadt, was es zum Beispiel bei anständigen Schwaben nicht geben würde. Das fängt schon mit dem Bierpreis in der Wirtschaft für umgerechnet 4 Euro an - das würde ja keiner kaufen. Etwas anderes war zum Beispiel das Straßenfest hier in der Jaffo Street. Während es beim Böhringer Dorfhock halt ein Festzelt mit Blasmusik gab, wurden hier ein DJ, eine Reggae-Band und eine Rock-Band eingeladen, die an drei verschiedenen Orten ihr bestes gaben. Auch die religiösen Juden ließen sich ein Tänzchen zu bestem Rock nicht nehmen. Ziemlich cool. Dafür gab es eben auf dem Dorfhock auch Maultaschen und Kartoffelsalat und hier? - Bier (Natürlich für zwischen 4 und 5 Euro). 

So. Jetzt ist mein selbstgesetztes Limit 20 Uhr erreicht und ich muss mich wieder den Hausaufgaben für morgen widmen. Aber des mach mer gschwend :-) 

Bis bald wieder, viele Grüße,
dein Martin

P.S.: Der Preis für die erste Postkarte nach Jerusalem geht nach Oberschwaben. Ich mache mich demnächst ans Schreiben!

Freitag, 24. August 2012

Unialltag - Freizeit 2:3 (1:1)

Liebe Blogleser,

passend zum heutigen Bundesligastart, gibt es den Blogeintrag als Spielbericht. Hier in Jerusalem wurde nämlich auch unter der Woche eifrig die deutsche Fußballwelt verfolgt und beim Nachdenken über die Woche fiel mir auf, dass sie tatsächlich einem kleinen Pokal-Krimi glich, bei dem am Ende doch der Richtige gewonnen hat.

Vor dem Spiel: Beste Rahmenbedingungen für die Partie zwischen dem Unialltag und dem Freizeitleben. Strahlender Sonnenschein, ein Badezimmer der Wohnung, das nach langwieriger Putzaktion wieder in neuem Glanz erstrahlt und ein schöner Gottesdienst mit anschließendem Empfang mit Chili con carne (mein zweites Mal Fleisch in Israel!) in der Dormitio Abtei schaffen die optimalen Voraussetzungen für das Match der Woche.
5. Minute: TOR für den Unialltag: Was für ein Schock für die Freizeit: Mit einem frühen Test am Sonntagmorgen, bei dem wir Studierenden wieder auf Herz und Nieren geprüft wurden, geht der Unialltag in Führung.
15. Minute: Eine 100 prozentige Chance! Ein Spieleabend bei einem Kommilitonen in der Altstadt, bei dem wir "Junta" inoffiziell zum Spiel des Jahres gekürt haben, macht Lust auf mehr und zeigt, dass die Freizeit, trotz frühem Rückstand, noch im Spiel ist. 
Blick auf die Davidsstadt, bzw. das, was von ihr übrig
geblieben ist.
35. Minute: AUSGLEICH! Mit einem freien Tag, weil an der Hebrew University Reparaturen an der Stromversorgung stattfanden, zieht die Freizeit mit dem Unialltag gleich. Da wir den Tag nicht ungenutzt sein lassen wollten, beschlossen wir, einen Ausflug in die Davidsstadt zu machen. Die Davidsstadt ist eine sprichwörtliche Fundgrube für Archäologen und erstreckt sich am Rand des Tempelbergs zwischen Ostjerusalem und der Al-Aqsa-Moschee. Viele Archäologen gehen davon aus, dass die Anfänge Jerusalems (und damit an sich auch noch um einiges früher als eine mögliche Stadt Davids) an dieser Stelle liegen, da die Gihonquelle, die in diesem trockenen Land wichtig für eine neue Stadt war, auch heute noch dort sprudelt. Ein besonderes Erlebnis der Davidsstadt ist der Hiskiatunnel: Wie in 2. Könige 20,20 angedeutet, soll der König Hiskia einen Tunnel gebaut haben, mit dem er das belagerte Jerusalem mit Wasser versorgen wollte. Heute ist der Tunnel ca. 530 m lang, recht eng und stellenweise auch niedrig. Trotzdem ist er begehbar, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten.
Licht am Ende des Hiskia-Tunnels.
Bei diesem längst verdienten Ausgleich gab es nur einen Wermutstropfen: Ein Spieler verletzte sich am Fuß, weil er so dumm war und die nötigen Regeln zum Begehen des Tunnels nicht einhielt - ja, das war ich...Aber es gibt kein Grund zur Sorge, inzwischen ist es schon fast verheilt. Dennoch wird Jerusalem wahrscheinlich bleibende Spuren an meiner linken Sohle hinterlassen.
45. Minute: Der Unialltag war die letzten Spielminuten wieder spielbestimmender. Der Schiedsrichter pfeift zur Halbzeit.
Blick auf den Tempelberg mit Felsendom,
Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer ungefähr unter der
Kuppel des Felsendoms.
56. Minute: Dicke Chance für die Freizeit: Am Mittwochabend fand die Fortsetzung unseres Begleitprogramms von Studium in Israel statt. Wir wurden weiter in das jüdische Gebetsbuch eingeführt und machten uns Gedanken über einen der wichtigsten Sätze des Judentums, das "Höre, Israel". Was mich an dieser Stelle bewegte, war ein besonderer Moment: Wir saßen im Refektorium der evangelischen Erlöserkirche, lasen im jüdischen Gebetsbuch auf Hebräisch und Englisch und von draußen drang der Klang des rufenden Muezzin herein - das ist Jerusalem! Multikulturell und das auf engstem Raum.
80. Minute: TOR für den Unialltag: Ist das die Vorentscheidung? Mit dem ersten Teil des Tests zur Sprachkurs-Mitte, geht der Unialltag zehn Minuten vor Abpfiff in die Verlängerung.
84. Minute: Hier ist überhaupt noch nicht alles klar: Ein EIGENTOR des Unialltags: Mit eigenem Improvisationstheater auf Hebräisch und dem Singen moderner hebräischer Lieder mit toller Klavierbegleitung schießt der Unialltag die Freizeit noch einmal in die Begegnung zurück. 
90.+2. Minute: TOR für die Freizeit. Ist das denn die Möglichkeit! Die Freizeit dreht das Spiel in allerletzter Minute. Spielentscheidend war der Besuch des Jahrgangs auf dem Bierfestival in Jerusalem gestern Abend. Zum Ausklang einer anstrengenden Woche genossen wir es, zusammen zu sitzen und zu sehen, wie Israelis versuchen, die deutsche Volksfestkultur nachzuahmen. Hier und da gab es Frauen, die in improvisierten Dirndln herumspazierten, im Internet angepriesene deutsche Würstchen entpuppten sich als koschere Chorizo (die also kein Schweinefleisch enthalten) und in der Landschaft der 150 verschiedenen Biere erwischten manche von uns auch Biere, die ganz und gar nicht dem deutschen Reinheitsgebot entsprachen, sondern fürchterlich gepanscht waren.
Ein lauter "Umzug" zur Bar-Mizwa am Zionstor direkt neben
der Dormitio.

Wie ihr sehen könnt, hat sich diese Woche einiges getan. Ich hoffe, das Spiel war für euch genauso spannend wie für mich als Aktiver. Man darf gespannt sein, was die neue Woche mit sich bringt...
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und melde mich bald wieder.

Schabbat Schalom, euer,
Martin

Donnerstag, 16. August 2012

Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen...

Liebe Blogleser,

Jerusalem ist eine Stadt der Berge. Täglich bekomme ich das zu spüren - mal im Bus, mal zu Fuß. Die Hebräische Universität, von der ich im letzten Blogeintrag berichtet habe, liegt auf dem Scopusberg, oder wie man auf Hebräisch sagt: Har Ha-Zofim. Da ich nicht ganz so sportlich und motiviert bin, überlasse ich die morgentliche Fahrradfahrt auf den Scopus einigen anderen aus meinem Programm und steige lieber in den Bus, der mich auf ganz andere Art und Weise ins Schwitzen bringt. Erstens kann man über die israelischen Busse sagen, dass sie eher flexible Abfahrtszeiten pflegen. Mal schießen sie um 8.32 Uhr um die Ecke und manchmal eben auch erst 8.47 Uhr. Sitzt man dann einmal in ihnen, ist alles kein Problem mehr. Weil der Bus neben den LKWs im Straßenverkehr das größte Kampfgewicht hat, gehen alle anderen automatisch aus dem Weg, wenn er hupt (was hier sozusagen zum guten Ton gehört).

Blick vom Zion auf das Hinnomtal und die arabische
Neustadt.
Ein zweiter Berg, der morgen noch eine Rolle spielen wird, ist der Berg Zion. Da wir 15 von Studium in Israel nicht die einzigen Studierenden aus dem deutschsprachigen Raum sind, sondern auch das Theologische Studienjahr der Dormitioabtei auf dem Zion seit dieser Woche vollständig ist, wird es am Freitagabend einen Begegnungsabend zwischen den beiden Studienprogrammen geben. Während in unserem Programm der 35. Jahrgang durch uns repräsentiert wird, ist beim Studienjahr der Dormitio bereits der 39. Jahrgang zusammen gekommen. Zwei Programme mit langen Traditionen, bei denen es schade wäre, wenn sie sich in Jerusalem nie zu Gesicht bekommen würden...

Der Felsendom mit hunderten betenden Muslimen auf dem Platz davor.
Der dritte Berg über den ich in diesem Blogeintrag berichten möchte ist der Tempelberg. Obwohl über den Tempelberg wahrscheinlich ganze Bücherwände gefüllt werden könnten, möchte ich mich relativ kurz fassen: Im Moment ist bei den Muslimen noch der bekannte Fastenmonat Ramadan, was bedeutet, dass jeder Muslim, dem es möglich ist, jeden Tag in diesem Monat nichts essen und nichts trinken soll. Mit Beginn der Nacht findet dann das Fastenbrechen statt, das auf den Straßen und in den Gassen der Altstadt Jerusalems täglich mit viel frischem Essen gefeiert wird. Das Besondere während des Ramadans ist, dass in einer der letzten Nächte die "Heilige Nacht" (Lailat al-Qadr) gefeiert wird. In dieser Nacht wird daran erinnert, dass in ihr der Koran das erste Mal offenbart wurde. Die Muslime versammelten sich dazu beim Felsendom auf dem Tempelberg, um ihre Gebete zu sprechen - die ganze Nacht! Ich hatte das große Glück mit meinem Mitbewohner zur Dormitiogruppe hinzuzustoßen, als sie um 21 Uhr den Turm der Erlöserkirche erklomm, um diese ganz besondere Nacht aus der Ferne zu beobachten. Auch eine etwas verwirrte und zuletzt auch verstörte Taube im Treppenaufgang zum Turm konnte uns nicht aufhalten, Jerusalem bei Nacht zu überblicken und den Gebeten vom Tempelberg zu lauschen. Beeindruckende Momente...

Damit verabschiede ich mich bis nächste Woche.
Herzliche Grüße,
euer Martin

Donnerstag, 9. August 2012

Zeit, dass sich was dreht

Ja, liebe Blogleser, ihr habt richtig gelesen: Hier dreht sich gerade so einiges.

Vor allem anderen dreht sich im Moment mein Ventilator. Unser Vormieter Tobias war so freundlich und hat uns zwei dieser wunderbaren Geräte überlassen. Laut wetter.com hat es hier 33°C im Schatten, was in der Sonne und gefühlt natürlich noch einiges mehr ist. Dank meinem Ventilator, der mich auch beim Einschlafen begleitet, geht es aber trotz dieser Hitze noch gut am Schreibtisch zu sitzen.

Der Platz vor der Frank-Sinatra-Mensa mit dem
berühmten schiefen Baum
Auf dem Campus der Hebräischen Universität. Lernplatz oder
Paradies? Wohl beides...

Seit zwei Tagen hat sich der Schreibtisch zu dem Ort entwickelt, an dem sich immer nachmittags mein Kopf  dreht. Am Dienstag begann an der Hebräischen Universität der Sommer-Ulpan (das hebräische Wort für Sprachkurs), so dass ich täglich erst drei Doppelstunden Neuhebräisch habe, bevor ich mich mit den Hausaufgaben und Vokabeln für den nächsten Tag im Gepäck wieder vom Scopus-Berg hinunter in die Neustadt begebe. Für die Hausaufgaben brauchte ich bisher auch noch einmal zwei bis drei Stunden. Das Sprachlevel, dass ich momentan im Ulpan absolviere, ist nötig, um an der Hebräischen Universität ab Oktober Lehrveranstaltungen auf Hebräisch belegen zu können. Gestern startete in der Studienwohnung außerdem unser Begleitprogramm von Studium in Israel mit dem Thema "Jüdisches Gebet". Ophir Yarden, ein jüdischer Freund unseres Studienprogramms, erläuterte uns anhand von Stellen aus dem Alten Testament und aus der jüdischen Tradition, welche Bedeutung das Gebet im Judentum hat - eine willkommene Abwechslung zwischen Vokabeln und Grammatik.



In meiner Freizeit drehe ich gerade meine Runden durch die Stadt. Am Montag war ich mit fachkundiger Führung von Tobias in der Grabeskirche,
Der Haupteingang der Grabeskirche mit einer
Menge Touristen.
am Samstag zuvor auf Erkundungstour in der Altstadt allgemein und ansonsten bin ich auch täglich auf der Suche nach Nahrung in der Neustadt unterwegs. Nur so lernt man diese vielfältige Stadt immer besser kennen und lernt sich in diesem Straßenwirrwarr zu orientieren.

Seit heute habe ich auch eine Postadresse. Falls ihr Lust habt, mir zu schreiben oder ihr meint, mir würde sich hier der Magen drehen und ich würde bald verhungern, wenn ich nicht bald etwas von euch zugeschickt bekomme, dann fühlt euch frei an

Martin Kaechele
P.O.B. 156
9100101 Jerusalem
Israel

zu schicken, was euch beliebt. Wer mir als erstes schreibt, bekommt auch zuerst eine Karte von hier.


So weit, so gut. Wenn es wieder Neues zu berichten gibt, lest ihr wieder von mir.

Viele warme Grüße,
euer
Martin

Freitag, 3. August 2012

Über den Wolken der Sonne entgegen

Liebe Leser,

jetzt bin ich also hier in Jerusalem. Kaum zu glauben, aber wahr! Seit ich mich ca. vor zwei Jahren für das Programm "Studium in Israel" entschloss, habe ich auf diesen Moment hingearbeitet und mit umso größerer Wucht trifft mich jetzt das Ganze auch. Doch jetzt ganz von vorne:

Um kurz vor 17.00 Uhr begann meine Reise nach München mit 38 kg Gepäck im Schlepptau und einer Menge Anspannung. Dankenswerterweise haben sich meine Eltern dazu bereit erklärt, mich nach München zu fahren, so dass wir pünktlich zur Öffnung der Abflughalle um 19.40 Uhr in der Schlange standen. Ab diesem Punkt musste ich alleine ins Gebäude, weil es die Sicherheitsvorkehrungen so vorsehen. Nach zwei Stunden netter Unterhaltung mit einem Israeli in der Abflugshalle auf Englisch (ja, auch das gerät manchmal schneller in Vergessenheit als man denkt) war ich eigentlich bereit für das Boarding. Allerdings war das Wetter über München noch nicht bereit. Zuckende Blitze und grollender Donner schienen gefühlte Stunden über Franz Josef Strauß zu hängen.
Schließlich war es 1,5 Stunden nach der geplanten Abflugszeit soweit, dass wir den deutschen Boden verlassen konnten. Nach einem schlaflosen Flug, was hauptsächlich der quasi nicht vorhandenen Beinfreiheit und dem tropischen Klima in der Boing geschuldet war, war es dann soweit: Um 4.36 Uhr Ortszeit flogen mir dann die Lichter Tel Avivs entgegen und während der Gepäckausgabe und der anschließenden Kamikazefahrt von Tel Aviv nach Jerusalem ging sogar schon die Sonne über Israel auf. Glücklicherweise empfing mich hier Tobias, ein Vorgänger aus meinem Studienprogramm, der mich zu meinem Heim für das kommende Jahr geleitet. Da Biff, mein Mitbewohner, noch beim Wandern ist, teile ich die kleine aber feine Wohnung bis Sonntag noch mit Tobias. An dieser Stelle möchte ich euch auch ein Bildchen von der Küche und Badeingang und Treppenaufgang zu den Zimmern nicht vorenthalten. Das Gepäckschaos, das aber noch in den Zimmern herrscht dokumentiere ich lieber nicht.

   Hier sieht man den Eingangsbereich und Küche zugleich. Das links stehende Geschirr ist übrigens schon abgespült :-)

 Da geht es zu meinem Zimmer hoch.

Heute Mittag habe ich mich auf eine erste Streiftour durch Jerusalem gemacht, wovon ich bald noch Bilder folgen lassen werde.
Schaut einfach wieder rein :-)

Viele Grüße und bis bald, euer
Martin